Fundina
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Kapitel
Die Festung Medun, das antike Meteon – Stammsitz der Kuči, wenige Kilometer von Fundina, 1877 von Marko Miljanov befreit.
Die Festung Medun, das antike Meteon – Stammsitz der Kuči, wenige Kilometer von Fundina, 1877 von Marko Miljanov befreit.Foto: Miomir Magdevski, 2017 · CC BY 3.0 · Wikimedia Commons · Gewitter digital ergänzt
Fundina · Montenegro

Wir sind alles – und noch viel mehr.

Ein Dorf bei Podgorica. Eine Schlacht im Sommer 1876. Und tausend Jahre Nachbarschaft von Serben, Albanern und allen, die hier zu Hause waren.

Der Canyon der Cijevna (alb. Cem) – die Lebensader zwischen Kuči, Koja und der Malësia.
Der Canyon der Cijevna (alb. Cem) – die Lebensader zwischen Kuči, Koja und der Malësia.Foto: Igor Trklja, 2011 · CC BY-SA 3.0 · Wikimedia Commons
Heute

Fundina – das Dorf am Ende und am Anfang

Wer von Podgorica nach Nordosten fährt, hinaus aus der Ebene der Zeta, sieht die Berge bald steil aufsteigen. Dort oben, im Land der Kuči, nahe der heutigen Grenze zu Albanien, liegt Fundina. Der Name kommt aus dem Albanischen: fund heißt „Ende“. Fundina ist der Ort am Ende – am Ende der Ebene, am Rand der Berge, jahrhundertelang am Ende der Reichweite fremder Herrscher. Für uns ist es zugleich der Anfang: der Ort, an dem unsere Geschichte beginnt.

Fundina ist kein Dorf mit einem Kern und einer Hauptstraße. Es ist eine Landschaft aus Weilern, die sich über die Hänge verteilen: Rašovići, Premići, Ljuhari, Kakarička Gora und andere. Über allem steht der Heljam, auch Hum Fundinski genannt, 949 Meter hoch. Von seinem Gipfel reicht der Blick über die Ebene bis nach Podgorica und an klaren Tagen bis zum Skutarisee, im Rücken die Kämme der Kučke planine und dahinter die Gipfel der Prokletije, der „verwunschenen Berge“. Wer den Weg nach Rašovići hinaufgeht, steigt auf gut drei Kilometern rund 300 Höhenmeter – vorbei an Quellen, an alten Ulmen, an Trockenmauern, die Generationen von Hand aufgeschichtet haben.

Die Erde ist karg, der Karst hart, die Sommer glühend und die Winter rau. Wer hier lebte, lebte von Schafen und Ziegen, von kleinen Feldern zwischen den Steinen, von Wein, Feigen und Oliven in den geschützten Lagen – und von der Treue zueinander. Denn allein überlebte hier niemand.

Fundina gehört zum Gebiet der Koja e Kuçit, der kleinsten Landschaft der Malësia, zusammen mit dem Nachbarort Koći. Schon ein osmanisches Steuerregister von 1582 nennt hier die Siedlungen „Koqa i Madh“ und „Koqa i Vogël“, das große und das kleine Koja. Mehr als die Hälfte der Bewohner trug damals albanische Vornamen, andere gemischte albanisch-slawische. Um 1850 hörte der italienische Forscher Antonio Baldacci in Fundina, Medun, Koći und Orahovo noch Albanisch als Alltagssprache. Heute leben im Dorf rund 240 Menschen: Albaner, Montenegriner und Serben, Katholiken, Orthodoxe und Muslime – Tür an Tür, wie seit Jahrhunderten.

Nirgends zeigt sich das schöner als in der alten Bruderschaft der Ljuhari, zu der auch unsere Familie gehört. Sie hatte drei Zweige: die Đolovići (albanisch Gjolaj) und die Perkovići (Perkaj), beide katholisch, und die Muhovići (Muhaj), Muslime. Eine Familie, drei Namen, zwei Glaubensrichtungen, zwei Sprachen – ein Blut. Das ist Fundina.

Die Bucht von Kotor mit der Altstadt – wie ein Fjord schneidet sie sich tief ins Gebirge; UNESCO-Welterbe.
Die Bucht von Kotor mit der Altstadt – wie ein Fjord schneidet sie sich tief ins Gebirge; UNESCO-Welterbe.Foto: Jaakko Luttinen · CC BY-SA 4.0 · Wikimedia Commons
Crna Gora

Montenegro – zwischen Bergen und Meer

Kaum ein Land Europas ist so klein und zugleich so gewaltig. Auf knapp 14.000 Quadratkilometern – kleiner als Schleswig-Holstein – liegen Meer und Hochgebirge, Urwald und Canyon so dicht beieinander, dass man am Morgen in der Adria schwimmen und am Nachmittag im Schnee des Durmitor stehen kann. Den Namen haben ihm die „schwarzen Berge“ gegeben: Crna Gora, Mali i Zi, Montenegro – dunkel bewaldet, steil, wild.

Die Tara-Schlucht im Norden Montenegros – mit bis zu 1.300 Metern die tiefste Schlucht Europas.
Die Tara-Schlucht im Norden Montenegros – mit bis zu 1.300 Metern die tiefste Schlucht Europas.Foto: Alexkom000, 2025 · CC BY 4.0 · Wikimedia Commons

Im Norden erhebt sich der Durmitor mit dem Bobotov Kuk (2.523 m), dem Schwarzen See und der Tara-Schlucht – mit bis zu 1.300 Metern die tiefste Schlucht Europas; der Nationalpark ist UNESCO-Welterbe. Im Nationalpark Biogradska Gora steht einer der letzten Urwälder Europas, im Süden türmen sich die Prokletije, die „verwunschenen Berge“, an der Grenze zu Albanien. Und über allem wacht der Lovćen, auf dessen Gipfel der Dichterfürst Njegoš begraben liegt.

Der Skutarisee zwischen Montenegro und Albanien – der größte See des Balkans.
Der Skutarisee zwischen Montenegro und Albanien – der größte See des Balkans.Foto: Diego Delso, 2014 · CC BY-SA 3.0 · Wikimedia Commons

Unten wartet das Meer: fast 300 Kilometer Adriaküste mit Buchten, Felsen und Sandstränden. Die Bucht von Kotor schneidet sich wie ein Fjord tief ins Gebirge – einer der schönsten Naturhäfen der Welt. Zwischen Podgorica und Albanien liegt der Skutarisee, der größte See des Balkans, mit Seerosenteppichen, Fischerdörfern und den seltenen Krauskopfpelikanen.

Auch das Klima kennt keine Langeweile. An der Küste herrscht Mittelmeerklima mit über 240 Sonnentagen im Jahr, im Landesinneren kontinentale Hitze, im Norden Alpenwinter. Wenn die Bora von den Bergen fällt oder der Jugo vom Meer Regen bringt, wechselt das Wetter in wenigen Stunden – und im Orjen-Gebirge über der Bucht von Kotor liegt Crkvice, einer der regenreichsten Orte Europas, nur wenige Kilometer von sonnigen Stränden entfernt.

Podgorica, die Hauptstadt, liegt dort, wo Morača und Ribnica zusammenfließen. Neben ihr lag die illyrisch-römische Stadt Doclea; im Mittelalter hieß der Ort Ribnica, ab 1474 bauten die Osmanen hier eine Festung. Im Zweiten Weltkrieg fast völlig zerstört, trug die Stadt von 1946 bis 1992 den Namen Titograd – heute ist sie jung und lebendig, mit rund 190.000 Menschen, und nur einen Katzensprung von Fundina entfernt.

Cetinje, 1482 von Ivan Crnojević gegründet, war über Jahrhunderte die Hauptstadt Montenegros: Sitz der Fürstbischöfe, später des Königs, mit Gesandtschaften aus ganz Europa. Heute trägt sie stolz den Titel „Alte Königsstadt“ und beherbergt Klöster, Museen und die Nationalbibliothek.

Kotor ist über 2.000 Jahre alt: Die Römer nannten es Ascrivium, von 1420 bis 1797 gehörte es zu Venedig. Seine Stadtmauern klettern über 4 Kilometer den Berg hinauf, die Kathedrale des heiligen Tryphon wurde 1166 geweiht – Altstadt und Bucht sind UNESCO-Welterbe. Gleich nebenan liegt Perast mit der Insel „Maria vom Felsen“, die der Legende nach von Seeleuten Stein für Stein aus dem Meer aufgeschüttet wurde.

Budva gehört zu den ältesten Siedlungen an der Adria – der Sage nach gründete sie der griechische Held Kadmos. Die ummauerte Altstadt und die Inselstadt Sveti Stefan sind heute Wahrzeichen der Küste. Herceg Novi wurde 1382 vom bosnischen König Tvrtko gegründet und verdankt seinen Namen dem Herzog – Herceg – Stjepan Vukčić Kosača; man nennt es die Stadt der Treppen und der Mimosen.

In Bar wächst ein Olivenbaum, der über 2.000 Jahre alt sein soll – einer der ältesten Bäume Europas. Die Ruinen von Stari Bar erzählen von Byzantinern, Venezianern und Osmanen; seit 1878 gehört Bar zu Montenegro und ist sein wichtigster Hafen. Ganz im Süden liegt Ulcinj (Ulqin), das antike Olcinium, eine Stadt mit albanischer Mehrheit, einst berüchtigt für ihre Seefahrer und Piraten – der Legende nach soll hier sogar Cervantes gefangen gewesen sein. Heute locken der 12 Kilometer lange Sandstrand Velika Plaža und die Insel Ada Bojana.

Im Landesinneren liegt Nikšić, die zweitgrößte Stadt des Landes, das römische Anderba, 1877 von den Osmanen befreit; ihr Bier kennt in Montenegro jeder. Und hoch im Norden, auf rund 1.450 Metern, liegt Žabljak – die höchstgelegene Stadt des Balkans und das Tor zum Durmitor.

Der Schwarze See (Crno jezero) im Nationalpark Durmitor bei Žabljak.
Der Schwarze See (Crno jezero) im Nationalpark Durmitor bei Žabljak.Foto: Ad Meskens · CC BY-SA 4.0 · Wikimedia Commons

Und die Menschen? Rund 620.000 leben in Montenegro – Montenegriner, Serben, Bosniaken, Albaner, Kroaten und viele mehr. Sie gehören zu den größten Menschen der Welt, und ihre Gastfreundschaft ist legendär: Wer anklopft, bekommt Kaffee, Rakija und einen Platz am Tisch. Man lässt sich Zeit – polako, langsam –, man spaziert am Abend über den Korso, man singt, man lacht, man streitet und versöhnt sich wieder. Genau diese Menschen haben über tausend Jahre bewiesen, dass man in diesen Bergen miteinander leben kann.

Die älteste Handschrift von „De Administrando Imperio“ (12. Jh.): Kaiser Konstantin VII. erzählt hier von der Herkunft der Serben.
Die älteste Handschrift von „De Administrando Imperio“ (12. Jh.): Kaiser Konstantin VII. erzählt hier von der Herkunft der Serben.Paris, BnF, Ms. grec 2009 · gemeinfrei · Wikimedia Commons
5.–7. Jh.

Die lange Wanderung – aus der Urheimat zu Sorben und Serben

Die Reise beginnt weit im Osten. Die meisten Forscher suchen die Urheimat der Slawen in den weiten Ebenen zwischen Weichsel, Pripjat und Dnepr – auf dem Gebiet der heutigen Ukraine, von Belarus und Polen. Eine Ukraine gab es damals noch nicht: Griechen und Römer nannten dieses Land Sarmatien oder Skythien; auf europäischen Landkarten ab dem 16. Jahrhundert hießen die weiten Länder im Osten später Tartaria. Von hier zogen im 5. und 6. Jahrhundert slawische Stämme nach Westen und Süden – unter ihnen die Vorfahren der Sorben und Serben.

Um das Jahr 950 schrieb der byzantinische Kaiser Konstantin VII. Porphyrogennetos ein Buch für seinen Sohn: De Administrando Imperio. Darin erzählt er von den „ungetauften Serben, auch die Weißen genannt“, die im Norden jenseits von Ungarn lebten – in einem Land, das man später Weißserbien nannte. Nach dem Tod ihres Fürsten habe einer von zwei Brüdern die Hälfte des Volkes nach Süden geführt – zu Kaiser Herakleios (610–641), der ihnen Land auf dem Balkan gab.

Die andere Hälfte blieb. Ihre Nachfahren kennen wir bis heute: die Sorben in der Lausitz, rund um Bautzen – mitten in Deutschland. Sie nennen sich selbst Serbja, die Balkan-Serben Srbi: Es ist derselbe alte slawische Name. So führt der Weg der Vorfahren aus der heutigen Ukraine über die Lausitz bis nach Montenegro – und die Geschichte eines kleinen Dorfes bei Podgorica beginnt am Dnepr und an der Spree.

Bautzen – sorbisch Budyšin – ist bis heute das Herz der Sorben in der Oberlausitz.
Bautzen – sorbisch Budyšin – ist bis heute das Herz der Sorben in der Oberlausitz.Foto: Kolossos, 2008 · CC BY-SA 3.0 · Wikimedia Commons

Die Sorben selbst treten früh ins Licht der Geschichte: Die fränkische Fredegar-Chronik nennt für das Jahr 631 einen „Dervanus, Herzog des Volkes der Surben“, der sich dem Slawenreich des Samo anschloss. Über Jahrhunderte lebten die Sorben zwischen Saale, Elbe und Neiße; Kriege, Siedlungsdruck und später Verbote ihrer Sprache drängten sie zurück – doch sie blieben. Heute sprechen noch rund 60.000 Menschen Ober- und Niedersorbisch, in Bautzen (Budyšin) und Cottbus (Chóśebuz) stehen zweisprachige Ortsschilder, und die Sorben sind in Deutschland als nationale Minderheit anerkannt.

Ein Volk, zwei Wege: Die einen blieben an der Spree und bewahrten ihre Sprache mitten in Deutschland, die anderen zogen über die Donau bis an die Adria und in die Berge Montenegros. Dass beide nach fast 1400 Jahren noch denselben Namen tragen, ist eines der schönsten Rätsel Europas.

Und die Sorben lebten nie allein. Als sie im 6. und 7. Jahrhundert an Saale und Elbe kamen, fanden sie Land, in dem zuvor germanische Stämme gelebt hatten – und bald wohnten Slawen und Germanen, später Sorben und Deutsche, Tür an Tür. Man handelte miteinander, heiratete untereinander, feierte gemeinsam. Den schönsten Beweis tragen viele deutsche Städte bis heute im Namen: Leipzig kommt vom sorbischen Lipsk, „Ort der Linden“, Dresden von Drežďany, „Leute im Auwald“, Chemnitz von Kamjenica, „Steinbach“ – und auch Görlitz, Zittau und Bautzen tragen slawische Wurzeln. Wer sich so die Namen seiner Städte teilt, war über Jahrhunderte Nachbar und Freund.

Die Urheimat der Slawen zwischen Weichsel und Dnepr ist die verbreitetste Forschungsmeinung. Die Wanderung der „Weißen Serben“ stammt aus einer einzigen Quelle des 10. Jahrhunderts und gilt als Hypothese; die Namensgleichheit Serben/Sorben ist sprachwissenschaftlich gesichert. „Tartaria“ ist ein Name späterer Landkarten, nicht der Zeit der Wanderung.

Kroatischer Reiter aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges – von solchen Söldnern soll das Wort „Krawatte“ stammen.
Kroatischer Reiter aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges – von solchen Söldnern soll das Wort „Krawatte“ stammen.Heeresgeschichtliches Museum Wien, Foto: Modzzak · gemeinfrei · Wikimedia Commons
7.–17. Jh.

Die Chrobati – Weiße Kroaten und die Krawatte

Im selben Buch erzählt der Kaiser auch von den Weißen Kroaten – den Chrobati –, die ebenfalls aus dem Norden kamen und sich an der Adria niederließen. Serben und Kroaten: zwei Brudervölker mit gleicher Sprache, gleicher Herkunftslegende, gleicher Reise.

Tausend Jahre später machten die Habsburger aus kroatischen und serbischen Bauern Grenzsoldaten ihrer Militärgrenze gegen die Osmanen. Kroatische Reiter kämpften im Dreißigjährigen Krieg bis nach Frankreich – ihr geknotetes Halstuch nannte man in Paris à la croate. So kam die Krawatte in die Welt. Und so begann auch, was sich durch die ganze Geschichte zieht: Große Reiche setzten die kleinen Völker füreinander und gegeneinander ein – im Ersten Weltkrieg marschierten Kroaten in österreichisch-ungarischer Uniform gegen Serbien, und Wien förderte gezielt die Albaner als Gegengewicht zu Serbien und Montenegro.

Der Wawel über der Weichsel in Krakau – hier vermuten viele Forscher die alte Heimat der Weißen Kroaten.
Der Wawel über der Weichsel in Krakau – hier vermuten viele Forscher die alte Heimat der Weißen Kroaten.Foto: Jakub Hałun, 2020 · CC BY-SA 4.0 · Wikimedia Commons

Wo lag Weißkroatien? Viele Historiker suchen es an der oberen Weichsel und in Böhmen – im Land um das heutige Krakau. Die Stadtlegende nennt zwar den Fürsten Krak als Gründer, der den Drachen vom Wawel besiegt haben soll; dass in dieser Gegend einst die Chrobati lebten, bevor ein Teil von ihnen nach Süden zog, halten jedoch manche Forscher für gut möglich. So wären Krakau und Zagreb, Weichsel und Adria durch dieselbe Wanderung verbunden – so wie Bautzen und Podgorica.

Auch Kroaten und Deutsche verbindet eine lange Freundschaft: Jahrhunderte lang gehörten sie gemeinsam zum Reich der Habsburger, dienten in denselben Regimentern, bauten dieselben Städte – und bis heute leben Hunderttausende Kroaten in Deutschland, als Nachbarn, Kollegen und Freunde.

Ethnographische Karte der europäischen Türkei, 1877 – solche Karten dienten den Großmächten beim Ziehen neuer Grenzen.
Ethnographische Karte der europäischen Türkei, 1877 – solche Karten dienten den Großmächten beim Ziehen neuer Grenzen.A. Synvet, Konstantinopel 1877 · gemeinfrei · Wikimedia Commons
Seit Jahrtausenden

Illyrer, Albaner, Slawen – ein Land, viele Wurzeln

Lange bevor die Slawen kamen, lebten hier die Illyrer. Viele sehen in ihnen die Vorfahren der Albaner – ganz geklärt ist das nicht, doch sicher ist: Die Menschen der Berge von Montenegro und Nordalbanien sind seit Jahrtausenden eine Mischung aus allen, die je hier lebten.

Die Kuči selbst sind das beste Beispiel. 1330 erstmals erwähnt als albanische Hirtengemeinschaft, sprachen sie im 17. Jahrhundert schon überwiegend slawisch – und blieben doch mit den albanischen Nachbarstämmen verwandt. Ein Stamm, zwei Sprachen, zwei Kirchen, eine Ehre. Wer hier nach „reinem Blut“ sucht, sucht vergeblich. Man kann nur sagen: Wir sind alles – und noch viel mehr.

Die Ruinen von Doclea am Rand von Podgorica – einst Hauptort der illyrischen Docleaten, später römische Stadt.
Die Ruinen von Doclea am Rand von Podgorica – einst Hauptort der illyrischen Docleaten, später römische Stadt.Foto: BuhaM · CC BY-SA 4.0 · Wikimedia Commons

Die Illyrer waren kein einzelnes Volk, sondern viele Stämme zwischen Adria und Donau – und einige gründeten mächtige Königreiche. Königin Teuta regierte um 230 v. Chr. von Rhizon aus, dem heutigen Risan in der Bucht von Kotor, und trotzte der römischen Seemacht. Der letzte illyrische König, Genthios, residierte in Scodra, dem heutigen Shkodra, bis Rom ihn 168 v. Chr. besiegte. Ganz nah bei Fundina lag Doclea, der Hauptort des illyrischen Stammes der Docleaten; seine römischen Ruinen stehen bis heute am Rand von Podgorica, und von ihm hat das mittelalterliche Fürstentum Duklja seinen Namen.

Unter ihrem heutigen Namen erscheinen die Albaner im 11. Jahrhundert in byzantinischen Quellen; schon der antike Geograf Ptolemäus kannte einen Stamm der „Albanoi“ mit der Stadt Albanopolis. Sie selbst nennen sich Shqiptarë, ihr Land Shqipëria – oft gedeutet als „Land der Adler“. Ob die Albaner direkte Nachfahren der Illyrer sind, ist nicht endgültig geklärt; sicher ist, dass ihre Vorfahren seit der Antike in diesen Bergen zu Hause sind.

Markt in Shkodra, 1920: muslimische und christliche Frauen handeln Seite an Seite.
Markt in Shkodra, 1920: muslimische und christliche Frauen handeln Seite an Seite.American National Red Cross, Library of Congress · gemeinfrei · Wikimedia Commons
1000 Jahre

Tausend Jahre friedliche Nachbarschaft

Die Serben haben dieses Land nicht erobert. Die Slawen kamen im 6. und 7. Jahrhundert als Siedler hinzu – und ließen sich neben den Menschen nieder, die schon hier lebten. Aus Fremden wurden Nachbarn, aus Nachbarn Familien. Über tausend Jahre lebten sie friedlich miteinander: mit Wein, Gesang und Tanz, mit Hochzeiten über alle Grenzen hinweg, mit Gastfreundschaft und ehrenvollem Handeln – bis im 19. Jahrhundert Politiker begannen, die Menschen gegeneinander zu manipulieren.

Die großen Geschichtsbücher erzählen von Kriegen. Das Leben in den Dörfern erzählt etwas anderes: von Besa, dem heiligen Wort, das man hält, und von Pobratimstvo, der Wahlbruderschaft zwischen Familien und Stämmen, über Sprach- und Glaubensgrenzen hinweg. 1613 schworen sich die Kuči, Vasojevići, Bjelopavlići und Piperi mit den albanischen Stämmen Hoti, Kastrati, Kelmendi und Shkreli die Treue gegen die Osmanen – die „Union der Berge“.

Bis heute tragen Orthodoxe, Katholiken und Muslime gemeinsam das Kreuz des heiligen Jovan Vladimir auf den Berg Rumija. In der Schlacht auf dem Amselfeld 1389 standen nach späteren Überlieferungen auch albanische Fürsten an der Seite der Serben. Und von der Fürstenfamilie Balšić, die Zeta regierte, streitet man bis heute, ob sie Serben oder Albaner waren – vielleicht, weil sie beides waren.

Es war kein Paradies. Es gab Fehden und Blutrache – aber sie verliefen zwischen Sippen, nicht zwischen Völkern. Der Albaner vom Nachbarberg war Pate, Schwager, Wahlbruder.

Die Mehmed-Paša-Sokolović-Brücke in Višegrad (1577), gestiftet von einem Großwesir serbischer Herkunft – UNESCO-Welterbe.
Die Mehmed-Paša-Sokolović-Brücke in Višegrad (1577), gestiftet von einem Großwesir serbischer Herkunft – UNESCO-Welterbe.Foto: Pudelek (Marcin Szala) · CC BY-SA 3.0 · Wikimedia Commons
1389–1878

Fünfhundert Jahre Osmanen – Herrschaft, Widerstand und Nachbarschaft

Nach der Schlacht auf dem Amselfeld 1389 rückten die Osmanen Schritt für Schritt auf den Balkan vor. 1474 bauten sie in Podgorica eine Festung, 1496 fiel das Fürstentum Zeta. In den Bergen aber blieb die Macht des Sultans dünn: Stämme wie die Kuči, die Hoti oder die Bjelopavlići regierten sich nach eigenen Gesetzen, und in Cetinje hielten die Fürstbischöfe die Freiheit Montenegros wach.

Das Osmanische Reich war kein Reich der Türken allein. Einer seiner mächtigsten Großwesire, Mehmed Paša Sokolović, war ein Serbe aus Bosnien, der seiner Heimat die berühmte Brücke von Višegrad schenkte; die Großwesir-Familie Köprülü hatte albanische Wurzeln. Serben, Albaner, Griechen, Bosniaken und Türken dienten dem Reich – und lebten in den Städten Tür an Tür: Kirche, Moschee und Synagoge standen oft in derselben Straße.

Es gab Unterdrückung, Abgaben und blutige Aufstände – aus ihnen erwuchs am Ende die Freiheit Montenegros, besiegelt 1878 in Berlin. Und doch verliefen auch in diesen Jahrhunderten die Gräben zwischen Herrschern und Beherrschten, nicht zwischen den Nachbarn im Dorf. Der türkische Kaffee, das Wort komšija für Nachbar – aus dem türkischen komşu – und viele Lieder erzählen bis heute, wie tief sich diese Welten vermischt haben.

Die Cijevna (alb. Cem) unterhalb der Berge der Kuči – seit Jahrhunderten Grenze und Lebensader zugleich.
Die Cijevna (alb. Cem) unterhalb der Berge der Kuči – seit Jahrhunderten Grenze und Lebensader zugleich.Foto: Miomir Magdevski, 2019 · CC BY-SA 4.0 · Wikimedia Commons
1330–1874

Das Land der Kuči – siebenhundert Jahre Freiheitswille

Die Kuči sind ein Stamm der Brda, des Berglands nordöstlich von Podgorica. Zum ersten Mal erscheint ihr Name 1330 in den Urkunden des Klosters Dečani: ein Hirtenverband unter einem Petar Kuč. 1416 verzeichnet ein venezianisches Kataster bei Skutari ein Dorf „Kuč“ mit acht Häusern. Als die Osmanen die Region erobert hatten, führten sie die Kuči als eigenen Verwaltungsbezirk: 1485 zählte man 253 Haushalte in acht Siedlungen, 1497 schon 338 in elf.

Die Kuči sind kein Stamm, der von einem einzigen Ahnen abstammt. Sie sind ein Bund von Bruderschaften, albanischen und slawischen, die über Jahrhunderte zusammenwuchsen. Um 1610 berichtete der katholische Erzbischof Marino Bizzi, die Kuči seien „halb orthodox, halb katholisch“. Aus der albanischen Hirtengemeinschaft wurde im Lauf der Zeit ein überwiegend slawischsprachiger, orthodoxer Stamm – ohne dass die albanischen Wurzeln je verschwunden wären. Der große Held der Kuči, Marko Miljanov, sprach zu Hause mit seiner Mutter Albanisch.

Gegen die Osmanen standen die Berge zusammen, gleich welcher Sprache und welchen Glaubens. 1613 schlossen die Kuči mit den Vasojevići, Bjelopavlići und Piperi und den albanischen Stämmen Kastrati, Kelmendi, Shkreli und Hoti die „Union der Berge“, besiegelt mit einer Besa, einem heiligen Wort. 1614 versammelte der Vojvode Lale Drekalov 44 Stammesführer im Land der Kuči. 1688 schlugen die Kuči ein osmanisches Heer gleich zweimal und nahmen Medun ein, die Festung vor ihrer Haustür. 1774 hielten sie dem Heer des Mehmed Pascha Bushati aus Skutari stand. Aufstand folgte auf Strafzug, Strafzug auf Aufstand – über Generationen.

Auch mit dem montenegrinischen Fürstenhaus gab es schwere Zeiten: 1855/56 unterwarf Fürst Danilo den Stamm in einem harten Strafzug. Auch das gehört zur Geschichte. Und doch fanden die Kuči 1874 aus freiem Entschluss zu Montenegro – geführt von einem Mann, der ihre Geschichte für immer prägen sollte.

„Montenegrinischer Haushalt“ – Gemälde von Jaroslav Čermák, 1865: das offene Haus der Berge.
„Montenegrinischer Haushalt“ – Gemälde von Jaroslav Čermák, 1865: das offene Haus der Berge.Jaroslav Čermák, 1865 · gemeinfrei · Wikimedia Commons
Besa · Pobratimstvo

Leben in den Bergen – Besa, Blutsbrüderschaft und das offene Haus

Das Leben in Fundina folgte über Jahrhunderte Regeln, die nirgends aufgeschrieben waren und die doch jeder kannte. Die wichtigste war das gegebene Wort. Die Albaner nennen es Besa, und bei den Kuči galt es nicht weniger. Wer sein Wort brach, verlor mehr als einen Streit: Er verlor seine Ehre, und mit ihr seinen Platz unter den Menschen.

Die zweite Regel war das offene Haus. Ein Gast war heilig, ganz gleich, woher er kam und welchem Gott er betete. Auch der ärmste Mann teilte sein letztes Brot, und es galt als Schande, einen Fremden vor der Tür stehen zu lassen. Selbst wer mit einer Familie in Streit lag, war unter ihrem Dach sicher, solange er ihr Gast war.

Die dritte Regel war die Familie im weitesten Sinn. Man gehörte zu einem Haus, das Haus zu einer Bruderschaft, die Bruderschaft zum Stamm. Wo das Blut nicht verband, schuf man Verwandtschaft: durch Patenschaft, das Kumstvo, und durch Blutsbrüderschaft, das Pobratimstvo. Ethnographen haben festgehalten, dass gerade die Kuči solche Bündnisse häufiger als andere Bergstämme mit Muslimen und Albanern schlossen. Marko Miljanov selbst hatte muslimische Blutsbrüder, unter ihnen Šaban-beg aus Tuzi. Oft endete so ein alter Streit: Aus Feinden wurden Brüder.

Marko Miljanov kannte beide Seiten wie kaum ein anderer. Er riet den Serben sinngemäß, sie sollten wissen, dass sie von den Albanern nicht weit entfernt seien – und die Albaner nicht weit von ihnen. Er beschrieb, wie Kuči und Albaner in denselben Ordnungen lebten, denselben Stolz, dieselbe Armut, dieselben harten Winter kannten, in denen man sich manchmal von Rinde und Wurzeln ernährte.

Dieselbe Ehre kannte auch die Blutrache, und alte Fehden konnten lange dauern. Doch es gab immer Wege zur Versöhnung – durch Vermittler, durch gemeinsame Mahlzeiten, durch Patenschaft und Blutsbrüderschaft. Das ist das Erbe, auf das wir stolz sind: nicht der Hass, sondern die Kunst, ihn zu beenden.

Blick von der Festung Medun auf das Haus Marko Miljanovs, heute Museum – hier wurde er geboren, hier liegt er begraben.
Blick von der Festung Medun auf das Haus Marko Miljanovs, heute Museum – hier wurde er geboren, hier liegt er begraben.Foto: Milica Buha, 2017 · CC BY-SA 4.0 · Wikimedia Commons
1833–1901

Marko Miljanov – der Held, der mit fünfzig schreiben lernte

Marko Miljanov Popović wurde am 25. April 1833 in Medun geboren, nur wenige Kilometer von Fundina entfernt. Sein Vater Miljan war Orthodoxer, seine Mutter Borika eine katholische Albanerin aus Orahovo. In ihm floss, was die Kuči ausmachte: beides.

1856 trat er in Cetinje in die Garde des Fürsten Danilo ein, die Perjanici – die „Federträger“, benannt nach der Feder an ihrer Kappe. Er kämpfte in den Grenzkriegen, wurde Richter und Anführer der Bratonožići und schließlich Vojvode. 1874 vollbrachte er, was vor ihm keiner geschafft hatte: Er führte die Kuči zur Vereinigung mit Montenegro. Die Osmanen setzten daraufhin einen Preis auf seinen Kopf.

Das Erstaunlichste an ihm aber ist nicht sein Mut. Marko Miljanov konnte bis zu seinem fünfzigsten Lebensjahr weder lesen noch schreiben. Dann brachte er es sich selbst bei – weil er, wie er schrieb, keine Ruhe fand, solange die Taten der Helden, die er gesehen hatte, nicht aufgeschrieben waren. So entstanden die „Primjeri čojstva i junaštva“, die „Beispiele von Menschlichkeit und Heldentum“: wahre kleine Geschichten von einfachen Menschen, von Feinden, die einander verschonten, von Gastfreundschaft und gegebenem Wort. Er schrieb über seinen Stamm, die Kuči, und – obwohl er sein Leben lang gegen albanische Heere gekämpft hatte – voller Achtung über „Leben und Bräuche der Albaner“: über ihre Besa, ihre Gastfreundschaft, ihre Ehre.

Von ihm stammt der Satz, den in Montenegro bis heute jedes Kind kennt. Heldentum ohne Menschlichkeit war für Marko Miljanov Barbarei. Nicht zufällig steht im Titel seines Buches die Menschlichkeit – čojstvo – vor dem Heldentum.

Mit dem Fürsten Nikola überwarf er sich 1882. Er legte seine Ämter nieder und zog sich nach Medun zurück. Er starb am 2. Februar 1901 in Herceg Novi und liegt auf der Festung von Medun begraben, dort, wo er geboren wurde. Sein Haus ist heute ein Museum. Seine Tochter Milica wurde im Ersten Weltkrieg als Soldatin ausgezeichnet, seine Enkelin Olgivanna leitete später in Amerika die Stiftung des großen Architekten Frank Lloyd Wright, ihres Mannes.

Vojvoda Marko Miljanov Popović (1833–1901), Held von Fundina und Chronist von „čojstvo i junaštvo“.

„Heldentum ist, wenn ich mich vor dem anderen verteidige. Menschlichkeit ist, wenn ich den anderen vor mir selbst verteidige.“

Marko Miljanov
Aufständische der Herzegowina im Hinterhalt, 1875/76 – mit diesem Aufstand begann der „Große Krieg“.
Aufständische der Herzegowina im Hinterhalt, 1875/76 – mit diesem Aufstand begann der „Große Krieg“.„Srbadija“, Bd. 5, 1875/76 · gemeinfrei · Wikimedia Commons
1874–1876

Der Weg in den Krieg

Im Oktober 1874 kam es in Podgorica, damals eine osmanische Stadt, zu Mord und Vergeltung: Auf dem Markt wurden unbewaffnete Montenegriner getötet. Das „Gemetzel von Podgorica“ vergiftete die Beziehungen zwischen Cetinje und Konstantinopel.

1875 erhoben sich die Bauern der Herzegowina gegen die osmanische Herrschaft. Montenegro unterstützte sie, erst heimlich, dann offen. Ende Juni 1876 erklärten Montenegro und Serbien dem Osmanischen Reich den Krieg. In Montenegro heißt er bis heute der „Große Krieg“ – Veliki rat.

Im Westen, in der Herzegowina, siegten die Montenegriner im Juli bei Vučji Do. Im Osten aber, im Land der Kuči, stand die Heimat selbst auf dem Spiel. Kaum war Marko Miljanov in die Berge zurückgekehrt, erhoben sich die Kuči. Der Pascha von Podgorica ließ Medun und die kleinen Festungen ringsum mit Soldaten belegen – darunter Fundina, Koći, Zatrijebač und Orahovo. Die Montenegriner schlossen Medun ein. Die Osmanen mussten die Festung entsetzen, wollten sie die Berge nicht verlieren. Dafür schickten sie Mahmud Pascha mit einem großen Heer.

Montenegrinische Krieger im Sutorman-Pass 1876 – deutsche Buchillustration von 1878.
Montenegrinische Krieger im Sutorman-Pass 1876 – deutsche Buchillustration von 1878.Johann Wilhelm Frey, 1878 · gemeinfrei · Wikimedia Commons
2. August 1876

Die Schlacht von Fundina

Die Schlacht von Fundina am 2. August 1876 in einem zeitgenössischen Holzstich.
Die Schlacht von Fundina am 2. August 1876 in einem zeitgenössischen Holzstich.Unbekannter Künstler, um 1880 · CC BY-SA 4.0 · Wikimedia Commons

Die Kräfte. Wie groß das osmanische Heer war, darüber sind sich die Quellen nicht einig. Das jugoslawische Militärlexikon und die montenegrinische Regierung nennen rund 20.000 Mann mit 14 Kanonen, andere Überlieferungen 30.000 bis 40.000. Gewiss ist: Zu den regulären Truppen kamen rund 3.000 Zeybeks, gefürchtete Freischärler aus Anatolien, und vier ägyptische Bataillone, die in Podgorica lagen. Die Soldaten waren mit modernen Gewehren ausgerüstet, dazu Säbel und Streitäxte.

Ihnen gegenüber standen etwa 5.000 Montenegriner: sechs Bataillone – aus den Kuči, den Martinići, den Bratonožići, aus Ceklin und Ljubotinj – dazu vier Kompanien der Piperi. Vojvode Ilija Plamenac führte rund 2.100 Mann und behielt die Übersicht über das ganze Feld, Vojvode Marko Miljanov stand mit rund 1.800 Kuči in vorderster Linie, an seiner Seite Serdar Škrnjo Kusovac. Viele hatten nur alte Steinschlossflinten, Pistolen und den Handžar, das lange Messer der Berge.

Und dann waren da noch etwa 200 Männer aus Zatrijebač – katholische Albaner aus dem Nachbarstamm der Triepshi. Sie kämpften Seite an Seite mit den Montenegrinern. Serben, Montenegriner, Albaner, Orthodoxe und Katholiken in einer Reihe: So sah die Front von Fundina aus.

Das Wort eines Muslims. Dass die Schlacht so ausging, wie sie ausging, verdankt Montenegro auch einem Mann, dessen Name in keinem Heldenlied an erster Stelle steht: Mašo-Hadži Ahmetov, ein montenegrinischer Muslim. In Podgorica erfuhr er, was Mahmud Pascha plante – einen Angriff auf die Kuči am 3. August. Er brachte die Nachricht zu Marko Miljanov, und der gab sie an Ilija Plamenac weiter. Ein Muslim warnte die Christen, damit sein Land frei werde. Auch das ist Fundina.

Der Tag. Am Abend des 1. August wussten die Vojvoden Bescheid. Sie beschlossen, nicht zu warten. Im Morgengrauen des 2. August meldeten die Wachen, die Osmanen kämen „wie Ameisen“ aus Richtung Podgorica und Dinoša heran. Marko Miljanov stieg auf einen Beobachtungsposten. Die Überlieferung bewahrt sein Gebet: „Siehe, Gott, lass mich noch ein einziges Mal zu dir beten, und ich will dich nie wieder behelligen.“

Gegen ein Uhr mittags, früher als der Feind es erwartete, schlugen die Montenegriner los. Am Fuß des Heljam trafen sie auf die verschanzten Osmanen. Es gab keinen Abstand mehr, keine Salven über Entfernung, nur noch Mann gegen Mann, zwischen Steinen, Gräben und Mauern. Marko Miljanov ging die ganze Schlacht hindurch von Gruppe zu Gruppe und sprach seinen Männern Mut zu. Das steile, steinige Gelände, das die Kuči kannten wie ihre eigene Hand, wurde zu ihrem stärksten Verbündeten.

Osmanische Offiziere, Agas und Begs zogen sich in die Kula der Rašovići zurück, einen steinernen Wohnturm. Der Turm ging in Flammen auf. An seiner Stelle steht heute das Denkmal.

Die osmanischen Reihen brachen. Die Bataillone der Martinići und der Kuči verfolgten die Fliehenden hinab bis auf das Ćemovsko polje und nach Dinoša, bis vor Podgorica. Nach manchen Berichten war Fundina nicht ein einziger Kampf, sondern eine Kette von fünf Gefechten an aufeinanderfolgenden Tagen, in denen die Osmanen immer wieder versuchten, nach Medun durchzubrechen – vergeblich.

Die Helden und der Preis. Die Lieder rühmen vor allem einen: Novak Milošev Vujošević aus den Kuči. Seine Taten an diesem Tag sind zur Legende geworden; der russische Zar schickte ihm später einen mit Edelsteinen besetzten Säbel. Das Bataillon der Martinići erbeutete sechs osmanische Fahnen.

Die Schlacht wurde mit der Härte ihrer Zeit geführt. Umso mehr sagen wir heute: Nie wieder. Wie viele Männer an diesem Tag starben, weiß niemand genau. Die montenegrinischen Verluste werden mit 279 bis 700 Gefallenen angegeben, am schwersten traf es das Bataillon aus Ceklin. Die osmanischen Verluste schätzen die Quellen auf 4.000 bis 7.000, manche Überlieferung spricht von noch mehr. Auf beiden Seiten waren es Söhne, Brüder und Väter.

Nach welchem Kalender? Montenegro rechnete 1876 noch nach dem julianischen Kalender. Nach ihm war die Schlacht am 2. August; nach unserem heutigen Kalender war es der 14. August 1876. Gefeiert wird bis heute am 2. August – und weil der alte Kalender inzwischen dreizehn Tage nachgeht, ist dieser Tag zugleich Ilindan, der Tag des Propheten Elias.

Podgorica in osmanischer Zeit: Blick auf die Ribnica.
Podgorica in osmanischer Zeit: Blick auf die Ribnica.Fotograf im Auftrag Sultan Abdülhamids II., um 1880–1900 · gemeinfrei · Wikimedia Commons
3. August 1876

Der Tag danach – Rano brdo und die Mühlen unter Fundina

Am 3. August versammelte Marko Miljanov das Heer auf dem Rano brdo bei Rašovići, um die Toten und Verwundeten zu zählen. Die Vojvoden trafen sich bei den Mühlen unterhalb von Fundina. Die Männer aus Zatrijebač kamen, um den Kuči zu ihrem Sieg zu gratulieren.

Fürst Nikola verlieh dem ganzen Stamm der Kuči vor dem versammelten Heer eine Tapferkeitsmedaille – eine Ehre, die einem ganzen Volk galt, nicht einem Einzelnen. Das Heer schenkte Marko Miljanov den schönsten erbeuteten türkischen Säbel und das Haus in Medun, in dem zuvor das osmanische Gericht getagt hatte. Serdar Škrnjo Kusovac bekam das Pferd eines osmanischen Offiziers. Marko Miljanov aber schickte Mahmud Pascha ein Geschenk eigener Art: einen lebenden Wolf, gefangen auf dem Schlachtfeld – als Zeichen montenegrinischen Stolzes und montenegrinischer Freiheit.

Mahmud Pascha wurde abgesetzt, Derviş Pascha übernahm den Befehl an der Südfront. In Podgorica saßen zu dieser Zeit Berichterstatter großer europäischer Zeitungen und Nachrichtenagenturen; die Nachricht vom Sieg in den Bergen ging um den Kontinent. Der Offizier Marko Bojov Rašović zeichnete später eine Karte, die den Verlauf der Schlacht festhielt.

Der Berliner Kongress am 13. Juli 1878: Die Großmächte erkennen Montenegro an – und ziehen neue Grenzen über die Köpfe der Menschen hinweg.
Der Berliner Kongress am 13. Juli 1878: Die Großmächte erkennen Montenegro an – und ziehen neue Grenzen über die Köpfe der Menschen hinweg.Anton von Werner, 1892 · gemeinfrei · Wikimedia Commons
1876–1880

Von Fundina nach Berlin

Fundina beendete den Krieg nicht, aber es wendete ihn. Der osmanische Vorstoß in die Berge war gestoppt. Nach einem Waffenstillstand im Herbst 1876 ging der Krieg 1877 weiter, nun an der Seite Russlands. Im September 1877 fiel Nikšić, im Oktober 1877 ergab sich die Besatzung von Medun – der Festung, um die bei Fundina gekämpft worden war. Im Januar 1878 kapitulierte Bar, bald darauf wurde Ulcinj befreit.

Im Frieden von San Stefano im März 1878 und auf dem Berliner Kongress im Sommer 1878 erkannten die Großmächte Montenegro als unabhängigen Staat an. Sein Gebiet verdoppelte sich beinahe, von rund 4.400 auf rund 9.500 Quadratkilometer; Podgorica, Nikšić, Bar, Kolašin und Žabljak wurden montenegrinisch. Montenegrinische Stimmen sagen bis heute: Ohne den Sieg von Fundina hätte Berlin anders entschieden.

Das Gebiet von Koja, zu dem Fundina gehört, kam 1880 endgültig zu Montenegro. Die katholischen Familien mussten nun montenegrinische Namensformen annehmen: Aus Ulaj wurde Ulić, aus Gjolaj Đolović, aus Perkaj wurde Perković. Zwei Namen – ein und dieselbe Familie.

Nicht jeder spätere Kampf endete im Sieg. Die Berge kannten keine ewigen Sieger, nur Menschen, die ihr Zuhause verteidigten.

Podgorica im Jahr 1912 – eine Generation nach Fundina, kurz vor den Balkankriegen.
Podgorica im Jahr 1912 – eine Generation nach Fundina, kurz vor den Balkankriegen.Agence Rol, 1912 · gemeinfrei · Wikimedia Commons
1911–heute

Fundina im 20. Jahrhundert

Die Freiheit von den Osmanen kam nicht für alle Nachbarn zur selben Zeit. 1911 erhoben sich die katholischen Albaner der Malësia gegen die osmanische Herrschaft. In der Schlacht von Deçiq, nur wenige Kilometer von Fundina entfernt, führte Pretash Zeka Ulaj aus Koja die Freiwilligen der Gegend, an der Seite von Ded Gjo Luli aus Hoti. Sieben Männer aus Koja fielen und werden bis heute als die „Sieben Helden von Koja“ verehrt. Ein Menschenleben nach Fundina kämpften die Nachbarn für dieselbe Freiheit – diesmal die albanischen.

Dann kamen die Balkankriege, der Erste Weltkrieg, das Königreich Jugoslawien. Am 13. Juli 1941 erhob sich Montenegro gegen die italienischen Besatzer – der erste Massenaufstand im besetzten Europa. Podgorica wurde im Krieg über siebzigmal bombardiert und am 19. Dezember 1944 befreit. Wie es den Familien von Fundina in diesen Jahren erging, bewahren die Erinnerungen der Familien.

Viele verließen die kargen Berge – nach Podgorica, nach Belgrad, nach Deutschland, nach Amerika. Um Detroit und New York leben heute ganze Gemeinden aus der Malësia; der Name Perkaj findet sich dort bis heute. Fundina selbst ist klein geworden. Aber es ist nicht vergessen.

Die Gusle – zu ihrem Klang werden seit 150 Jahren die Lieder von Fundina gesungen.
Die Gusle – zu ihrem Klang werden seit 150 Jahren die Lieder von Fundina gesungen.Foto: Orjen, 2016 · CC BY-SA 4.0 · Wikimedia Commons
Seit 1876

Was bleibt: Steine, Lieder, ein Denkmal

In Fundina sind bis heute die Šančevi zu sehen, die steinernen Schützengräben von 1876. Bauern stießen beim Pflügen noch lange auf die Spuren der Schlacht.

Am 15. August 2008, 132 Jahre nach der Schlacht, wurde in Fundina ein Denkmal enthüllt, geschaffen von Professor Pavle Pejović. Der damalige Verteidigungsminister sagte dabei, die Schlacht von Fundina sei ein offensichtlicher Beweis dafür, dass Montenegro schon damals die Werte einer multiethnischen Gemeinschaft gepflegt habe. Der Historiker Branko Pavićević sah das Geheimnis des Sieges darin, dass die Anführer wussten, wann man zurückweichen und wann man die Kräfte sammeln muss.

Jedes Jahr am 2. August kommen Menschen nach Fundina, um der Gefallenen zu gedenken. Zum 150. Jahrestag zeigten die Museen und Galerien von Podgorica ab dem 14. August 2026 im Kuslev-Haus die Ausstellung „Dan skuplji vijeka – Fundina 1876“: „Ein Tag, kostbarer als ein Jahrhundert“.

Und es gibt die Lieder. Zur Gusle, der einsaitigen Fiedel der Berge, singen die Guslari seit 150 Jahren von Fundina. In diesen Liedern leben die Namen der Kämpfer weiter – und in den Liedern der Familien auch der Name Perković.

Karstberge im Land der Kuči zwischen Medun und Vrbica, nordöstlich von Podgorica.
Karstberge im Land der Kuči zwischen Medun und Vrbica, nordöstlich von Podgorica.Foto: Bjoertvedt, 2015 · CC BY-SA 4.0 · Wikimedia Commons
Bratstvo Ljuhari · Medun

Das Geschlecht der Perković (Perkaj) – die Helden von Fundina

In Fundina lebt seit Generationen das Geschlecht der Perković – in albanischer Form Perkaj. Das montenegrinische Namenslexikon verzeichnet die Bruderschaft in Ljuhari (Fundina) im Land der Kuči; beide Namen meinen dieselbe Sippe. Perković heißt „Nachkomme des Perko“, einer Koseform von Petar – Peter, der Fels. Nach 1880 mussten die albanischen Familien des Gebiets montenegrinische Namensformen annehmen: Aus Perkaj wurde Perković.

Über dem Land der Kuči thront die Festung Medun – das antike Meteon der Illyrer, jahrhundertelang Sitz des Stammes und 1877 von Marko Miljanov befreit. Sie ist die Burg der Kuči; in ihrem Schatten liegen die Bruderschaften von Fundina.

Das Kloster von Cetinje, der alten Königsstadt – aus ihrer Nachbarschaft Bajice stammen der Überlieferung nach die Martinovići.
Das Kloster von Cetinje, der alten Königsstadt – aus ihrer Nachbarschaft Bajice stammen der Überlieferung nach die Martinovići.Foto: Desemeus · CC BY-SA 4.0 · Wikimedia Commons

Dasselbe Lexikon hält die Überlieferung fest, dass die Perkovići von den Brüdern Đuro und Krsto Martinović aus Bajice bei Cetinje abstammen, der alten Königsstadt. Die Martinovići von Bajice gehörten zu den Familien, die im alten Montenegro den erblichen Ehrentitel Serdar trugen – einen der Adelsränge Montenegros, neben Vojvoda und Knez. In der Familie selbst wird erzählt, die Perkovići seien Nachkommen einer alten Ritterdynastie.

Nach dem Sieg über die Osmanen wurde die Familie – so erzählt sie es – vom Herrscherhaus mit Land beschenkt. Das Land rund um den Berg über Fundina ist bis heute in ihrer Hand, und die Nachbardörfer gehen auf Nachkommen eines Perković zurück.

Peter, der Fels – der Name ist Programm. Der Überlieferung nach standen die Männer der Familie im Sommer 1876 bei Fundina fest wie ein Fels, Seite an Seite mit ihren Nachbarn, für die Freiheit ihres Tals.

Im Westen Europas hätte man Männer, die so für ihr Tal einstanden, zu Rittern geschlagen. In den Bergen Montenegros gab es keinen Ritterschlag – hier nennt man sie schlicht junaci, Helden, und besingt sie mit der Gusle. Bis heute werden in Montenegro Lieder über die Helden der Perkovići aus vergangenen Tagen gesungen. Ein Titel vergeht; ein Lied bleibt.

Heute ist das Geschlecht weit über die Kontinente verstreut: Perkovići und Perkaj leben von New York bis Spanien, in Montenegro, Albanien, Kosovo, Serbien und Kroatien, in Ungarn und Bulgarien, in Italien bis hinunter in den Süden, in Deutschland, England und den skandinavischen Ländern, in Russland und in der heutigen Ukraine. Wo immer sie leben – ihre Wurzeln führen zurück in das kleine Dorf unter der Festung Medun.

So sind die Perkovići ein altes Adelsgeschlecht der Ehre: Ihr Rang stammt nicht aus Urkunden fremder Höfe, sondern aus dem, was im alten Montenegro allein zählte – čojstvo i junaštvo, Menschlichkeit und Mut, und das Wort, das man hält. Serbisch, albanisch, illyrisch? Sie sind, was dieses Land ist: eine Mischung aus Jahrhunderten friedlichen Zusammenlebens.

Die Perkovići feierten als Schutzfest den Nikolaustag, Nikoljdan – wie ihre Brüder in der Bruderschaft der Ljuhari, die Đolovići; der dritte Zweig, die Muhovići, waren Muslime. Zweige der Familie leben heute in Krivi Do, Doljani und Masline, in Podgorica, Nikšić, Pljevlja und bei Gusinje.

Dass Fürst Nikola I. in den befreiten Gebieten Land an die Kämpfer der Jahre 1876 bis 1878 vergeben ließ, ist für andere Landesteile urkundlich belegt – etwa für Kolašin und das Feld von Nikšić. Die Überlieferung der Familie fügt sich darin ein.

Belegt: die Bruderschaft Perković/Perkaj in Fundina (Namenslexikon „Prezimena u Crnoj Gori“) und der Serdar-Rang der Martinovići. Familienüberlieferung: Abstammung von den Martinovići aus Bajice, die Ritterdynastie und die Landschenkung nach 1876; der Landbesitz besteht bis heute.

Die Festung Medun, das antike Meteon – Stammsitz der Kuči, wenige Kilometer von Fundina, 1877 von Marko Miljanov befreit.
Die Festung Medun, das antike Meteon – Stammsitz der Kuči, wenige Kilometer von Fundina, 1877 von Marko Miljanov befreit.Foto: Miomir Magdevski, 2017 · CC BY 3.0 · Wikimedia Commons
Meteon – 2026

Zeittafel Fundina

4./3. Jh. v. Chr. – Auf dem Hügel von Medun entsteht Meteon, eine Festungsstadt des illyrischen Stammes der Labeaten.
1330 – Erste Erwähnung der Kuči in den Urkunden von Dečani.
1416 – Ein venezianisches Kataster nennt ein Dorf „Kuč“ bei Skutari.
1457 – Die Osmanen erobern Medun.
1485 / 1497 – Osmanische Register zählen im Land der Kuči 253 bzw. 338 Haushalte.
1582 – Die Siedlungen „Koqa i Madh“ und „Koqa i Vogël“ werden erstmals erwähnt – das Gebiet von Koja, zu dem Fundina gehört.
um 1610 – Die Kuči sind „halb orthodox, halb katholisch“ (Erzbischof Marino Bizzi).
1613/14 – „Union der Berge“ der Kuči mit Nachbarstämmen, darunter albanische.
1688 – Die Kuči schlagen ein osmanisches Heer und nehmen Medun ein.
1774 – Die Kuči halten dem Heer Mehmed Pascha Bushatis stand.

1833 – Marko Miljanov wird in Medun geboren.
1855/56 – Harter Strafzug des Fürsten Danilo gegen die Kuči.
1861/62 – Kämpfe um Medun; Marko Miljanov führt die Kuči.
1874 – Die Kuči vereinigen sich mit Montenegro.
1875 – Aufstand in der Herzegowina.
Juni 1876 – Montenegro und Serbien erklären dem Osmanischen Reich den Krieg.
2. August 1876 (nach heutigem Kalender 14. August) – Die Schlacht von Fundina.
3. August 1876 – Das Heer versammelt sich auf dem Rano brdo bei Rašovići.
Oktober 1877 – Die osmanische Besatzung von Medun ergibt sich.
1878 – Frieden von San Stefano, Berliner Kongress: Montenegro wird unabhängig.
1880 – Das Gebiet von Koja mit Fundina kommt zu Montenegro; aus Perkaj wird Perković.

1901 – Marko Miljanov stirbt und wird auf der Festung von Medun begraben.
1911 – Schlacht von Deçiq; die „Sieben Helden von Koja“.
13. Juli 1941 – Aufstand in Montenegro gegen die Besatzung.
19. Dezember 1944 – Befreiung von Podgorica.
15. August 2008 – Das Denkmal von Fundina wird enthüllt.
2011 – Fundina zählt 237 Einwohner.
2026 – 150 Jahre Schlacht von Fundina.

Der Berliner Kongress am 13. Juli 1878: Die Großmächte erkennen Montenegro an – und ziehen neue Grenzen über die Köpfe der Menschen hinweg.
Der Berliner Kongress am 13. Juli 1878: Die Großmächte erkennen Montenegro an – und ziehen neue Grenzen über die Köpfe der Menschen hinweg.Anton von Werner, 1892 · gemeinfrei · Wikimedia Commons
19. Jahrhundert

Teile und herrsche – wie der Hass gesät wurde

Im 19. Jahrhundert kam ein neues Wort auf den Balkan: Nation. Großmächte – Wien, Sankt Petersburg, Konstantinopel, später Berlin – zogen Grenzen auf Landkarten, die nie ein Hirte gesehen hatte. 1878 wurde auf dem Berliner Kongress über Dörfer entschieden, deren Namen die Diplomaten nicht aussprechen konnten. Programme wie das serbische Načertanije (1844) und die albanische Liga von Prizren (1878) erfanden aus Nachbarn Gegner.

Im 20. Jahrhundert wiederholte sich das Spiel – zuletzt in den 1990er-Jahren, als Jugoslawien zerfiel. Politiker und Nationalisten schürten über Zeitungen, Radio und Fernsehen gezielt die Angst vor dem Nachbarn, um Macht und Land zu gewinnen. In Kosovo, in Bosnien, in Kroatien bezahlten die einfachen Menschen den Preis – Serben, Albaner, Kroaten, Bosniaken. Nicht einer von ihnen hatte das gewollt.

Es ist das älteste Rezept der Macht: Divide et impera – teile und herrsche. Wer Menschen gegeneinander aufbringt, muss sie nicht mehr selbst beherrschen. Und die Geschichte, die danach in die Schulbücher kam, schrieben – wie immer – die Sieger.

Und bis heute hat sich daran nichts geändert. Überall auf der Welt sind die Medien in der Hand der Mächtigen – und sie werden genutzt, um die Menschen weiter zu lenken und zu manipulieren. Mein Rat: Legt die Zeitungen weg, schaltet die Nachrichten ab – auch die öffentlich-rechtlichen – und hinterfragt alles, wirklich alles, ganz genau.

Auch die Mächtigen dieser Welt werden eines Tages erkennen, dass all das keinen Sinn hat. Auch sie werden gerichtet werden, wenn sie nicht begreifen, dass sie niemals genug haben werden. Nur die Liebe – die Liebe zu allen Lebewesen – kann das schwarze Loch in ihnen füllen, das sie bedrückt und durch das sie eines Tages vergehen und im Nichts verschwinden würden. Die Liebe füllt es mit einer Kraft, die ewig lebt – und mit einem Namen, der unvergessen bleibt.

Sonnenaufgang über Bar, zu Füßen der Rumija – hier gehen seit Jahrhunderten Christen und Muslime gemeinsam den Kreuzweg.
Sonnenaufgang über Bar, zu Füßen der Rumija – hier gehen seit Jahrhunderten Christen und Muslime gemeinsam den Kreuzweg.Foto: Raymond Zoller, 2012 · CC BY-SA 2.0 · Wikimedia Commons
Morgen

Wir sind alles – und noch viel mehr

Jedes Kind, jede Frau, jeder Mann in diesen Bergen trägt Serben und Albaner, Illyrer und Slawen, Katholiken, Orthodoxe und Muslime in sich. Wir sind alles – und noch viel mehr. So wie jeder Mensch auf dieser Welt.

Wir Menschen wollen doch alle nur eins: morgens aufstehen, den Tag mit unseren Liebsten leben, feiern, fröhlich sein und glücklich – so wie wir es als Kinder waren. Der Hass wurde gesät. Er ist nicht unser Erbe. Er muss endlich ein Ende finden.

Fundina heißt „Ende“. Lass es das Ende des Hasses sein – und der Anfang von etwas Neuem.

Fragen & Antworten

Wo liegt Fundina?

Fundina ist ein Dorf in der Gemeinde Podgorica in Montenegro, nordöstlich der Hauptstadt im Gebiet des Stammes der Kuči, nahe der albanischen Grenze.

Was geschah in der Schlacht von Fundina?

Am 2. August 1876 besiegten rund 5.000 montenegrinische Kämpfer – Kuči unter Marko Miljanov, weitere Stämme und albanische Kämpfer aus Zatrijebač – ein osmanisches Heer von etwa 40.000 Mann. Der Sieg ebnete den Weg zur Anerkennung Montenegros 1878.

Wer sind die Perković (Perkaj) von Fundina?

Eine Bruderschaft (bratstvo) in Ljuhari/Fundina im Kuči-Gebiet, im montenegrinischen Namenslexikon verzeichnet. Perkaj ist die albanische, Perković die slawische Form desselben Namens; die Familie vereint serbische, albanische und illyrische Wurzeln.

Was bedeutet der Name Fundina?

Der Name wird meist vom albanischen Wort „fund“ (Ende) abgeleitet – ein Hinweis auf die jahrhundertelange Grenzlage des Dorfes.

Sind Serben und Sorben verwandt?

Ja, sie teilen denselben alten Volksnamen: Srbi (Serben) und Serbja (Sorben in der Lausitz). Ihre Vorfahren kamen nach der verbreitetsten Forschungsmeinung aus der Urheimat der Slawen zwischen Weichsel und Dnepr, dem Gebiet der heutigen Ukraine, Belarus und Polens. Eine byzantinische Quelle des 10. Jahrhunderts erzählt von einer Wanderung der „Weißen Serben“ auf den Balkan; ob sie so stattfand, ist in der Forschung offen.

Quellen

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